Jürgen Klugmann
Jürgen Klugmann

aus Dr. Barbara Regina Renftle “belaubt – entlaubt” Baum und Bäume in der Kunst der Gegenwart

 

[...] Im Gegensatz zur farbbetonten Malerei Glasers hat sich das Zeichnerische als dominante Konstante im Schaffen des Tübinger Künstlers Jürgen Klugmann durchgesetzt. Klugmann, gelernter Buchhändler und als Maler Autodidakt, hat am Zeicheninstitut der Universität Tübingen studiert. Schon in den 1990er Jahren experimentiert er mit der Durchreibetechnik, z.B. in Der Dame Jouanne Zyklus. An den Inschriften, Einkerbungen und Zeichnungen der Kulthöhle von Dame Jouanne bei Larchant in Frankreich interessierte ihn vor allem die graphische Struktur, die irregulären, linearen Muster, die er zu unleserlich-informellen Überlagerungen und “Konglomeraten von Strichen, Knäueln, Gittern, Punkten”(1) verwob. Bereits in diesem Zyklus beherrscht ein wirres Neben- und Übereinander von Mustern, Zeichen und Strukturen das Bild. Ausgangspunkt für die künstlerische Auseinandersetzung und Idee ist ein ganz konkreter Ort, ein reales Seherlebnis.
Das bleibt bestimmend auch bei den Waldmotiven, die seit Ende 2005 im Schaffen von Jürgen Klugmann auftauchen: Ein Waldzustandsbericht in der Süddeutschen Zeitung war Auslöser gewesen für erste Waldbegehungen. Der Künstler fotografiert die Vorlagen für seine Bilder in den Wäldern selbst: Detailaufnahmen von winterlichem Wald, Waldgestrüpp, Schösslingen, gebrochenen Ästen, Baumstümpfen und -stämmen. Mit dem Beamer projiziert er dann das fotografierte Motiv in Vergrößerung auf einen Bildträger, meist Chinapapier, und überträgt es in minutiöser Detailarbeit mit Graphitstift und Tusche, Bleistift und Buntstift auf das Papier. Schließlich wird das Chinapapier auf eine farbig bemalte Leinwand aufgezogen. Dadurch entsteht ein zart durchschimmernder Farbeffekt, der dem Motiv einen unaufdringlichen, leisen Grundklang verleiht, einen bläulich-kühlen oder gelblich-lichten Farbschimmer im ansonsten eher sachlichen Schwarz-Weiß der zeichnerischen Struktur (Rossberg 5 ). Manche Motive überzieht der Künstler zuletzt mit einem sehr engen, waagrechten Strichraster, das die dahinterliegende Zeichnung wie ein gestörtes Fernsehbild verschleiert (km 3,2, 2007 ).
Klugmann richtet in seinen Bildern den Blick auf das beiläufig Unscheinbare, den unvollständigen Ausschnitt, den Mikrokosmos des Waldes: auf jene Stellen, wo junge Schösslinge entstehen, auf den Erdboden, aus dem die dünnen Stämmchen wachsen und junge, wilde Triebe kreuz und quer hervortreiben . Nicht der Baum in seiner organischen Vollständigkeit und Fülle, das Individuum “Baum” in seiner ganzen Stattlichkeit, steht im Vordergrund der Wahrnehmung, sondern beliebig wuchernde Baumtriebe, dünn, gebrechlich und gefährdet, der zarte Spross, mehr Stängel noch als Stamm. Die Bildaussage wird fokussiert auf den fragilen Beginn des Baumdaseins, auf den stillen Kampf ums Überleben – ein wirres, drahtiges Spiel aus Linien und Liniennetzen. Die Blicke in Klugmanns Waldbildern sind stets bodennah – sie konzentrieren sich auf das untere Dickicht oder vibrierende Astgestrüpp, das alte, mächtige Stämme in Bodennähe in filigraner Kleinteiligkeit umzittert (Rossberg 8 und 9, ). Dem Künstler geht es nicht um die Charakteristik eines einzelnen Baumes, sondern um die vielteilige Struktur des Waldes. In der kleinteiligen Vielfalt des Waldes ruht sein graphisches Potential. Der Wald erscheint als namenloses Kollektiv, als Kosmos des Keimens und Sprießens, der Wucherung und Vernetzung, der Verbundenheit von Groß und Klein, Alt und Jung ohne dominante Hierarchie. Für Klugmann, diesen Meister des Details, das bei ihm zu einer filigranen Kostbarkeit wird, erweist sich der Wald zugleich als ein Kosmos des Zeichnerischen. Gelbe und rote Farbakzente glimmen und glühen darin wie umhergeisternde Irrlichter oder zauberische Lichtreflexe, geben einen tänzerischen Rhythmus ins Bild und tragen nicht unwesentlich zu dessen Verlebendigung bei. Sie verleihen dem nüchtern gezeichneten Fotorealismus ein irreales Gepräge. Um eine allzu idyllische oder fotorealistische Wirkung zu vermeiden, setzt Klugmann Störfaktoren ins Bild wie die waagrechten Linienraster bei km 3,2. Solche bewussten Irritationen der Wahrnehmung dienen als Filter, der die Detailverliebtheit der Darstellung brechen und relativieren soll.
Klugmanns fotoreproduktive Zeichnungen auf bemalten Leinwänden lassen sich über ihre Begrenzung hinaus weiterträumen, gedanklich fortführen – lediglich ein zufälliger Ausschnitt aus einem großen Naturzusammenhang bekunden sie bescheiden ihre Belanglosigkeit und sind doch Gleichnisse auf das Ganze in seiner unübersehbaren, tausendfach verwobenen und miteinander versponnenen Einheit. Im Spiel mit Hell und Dunkel, Licht und Schatten, mit Flächenhaftigkeit und räumlicher Tiefe, Leere und Chaos, kennen die Waldgleichnisse Klugmanns die Stille einer leeren Schneefläche ebenso wie den horror vacui des Dickichts. Die Stille des Schnees und sein Weiß lassen in diesem Waldinneren ohne Baumkronen und Himmel Zonen meditativer Reflexion zu.
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(1) Barbara Lipps-Kant in: Jürgen Klugmann, Der Dame Jouanne Zyklus 1993 – 1996, Katalog Gewerbemuseum Spaichingen

Dr Barbara Regina Renftle
zitiert aus:
belaubt – entlaubt Baum und Bäume in der Kunst der Gegenwart
Katalog zur Ausstellung in der Galerie der Stiftung S BC – pro arte Biberach 2007, Seite 20-22



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