Jürgen Klugmann
Jürgen Klugmann


Dr. Günter Baumann zur Ausstellungseröffnung "Die Vergessenen / Lethe" im Böblinger Kunstverein

 

 

 


© Dr. Günter Baumann, baumann@kunstvereinbb.de
Jürgen Klugmann – DIE VERGESSENEN / LETHE
Böblinger Kunstverein, Kabinett
Eröffnungsrede, 6.7.2014

 


Liebe Freunde der Kunst und des Kunstvereins, ich begrüße Sie und euch ganz herzlich zu einer
besonderen Ausstellung im Kabinett. Jürgen Klugmann nimmt sich der Vergessenen an, indem er an sie
erinnert. Der Satz klingt harmlos, er verführt uns aber dazu, in Tiefen des Menschseins abzutauchen, die
einen nicht mehr so schnell loslassen. Als ich die 20teilige Serie der »Vergessenen / Lethe« in Tübingen
sah, wusste ich, dass sie mir nicht mehr aus dem Sinn gehen würde, und ich stellte sie mir dort schon im
Kabinett vor und wusste, dass sie sich wunderbar in den Raum fügen würde. Öffentlich zu sehen war die
Serie 2013 in Rom, der Ewigen Stadt – ausgerechnet: ewig hieße ja, nicht vergessen können. Der zufall
will es, dass wir hier fast über die Terminologie stolpern. Was heißt Vergessen? Wir werden gleich sehen,
mit Rom hat die Bildserie zwar thematisch nichts zu tun, doch liegt im Vergessen ein zeitliches Dilemma,
das in diesem Kontext sinnfällig wird. Gerade die antiken Gemäuer Roms bieten Möglichkeiten, über das
Vergessen in Ruinen nachzudenken. Wir müssen aber gar nicht in die Vergangenheit zurückgehen, unsre
Gegenwart offenbart uns ein Medium, das ein Vergessen nahezu unmöglich macht, denkt man: das
weltweite Gewebe des Internet. Es ist also so eine Sache mit dem Vergessen, zumal es verwandt ist mit der
Erinnerung. Das legt die alte Vorstellung der Unterwelt nahe: Dort gab es nämlich neben dem Styx zwei
Flüsse: Lethe – ihr erinnert euch: unser Ausstellungstitel führt den Namen mit sich – und Mnemosyne. Es
verhält sich mit beiden wie folgt: Wenn es ans Sterben geht, führt der Weg in vielen Kulturen meist übers
Wasser, dass sich auch so saloppe Redewendungen gebildet haben wie: »über den Jordan gehen«, die
Wupper tut es wohl auch. Lethe nun ist der Fluss des Vergessens. Wer daraus trinkt, dem entfällt alles, was
er sich zeitlebens an Wissensballast angehäuft hat. Die Festplatte im Kopf wird gelöscht und basta. So
leicht aber machen es die alten Griechen uns nicht. Denn man kann auch in den anderen Fluss steigen,
Mnemosyne, und prompt kriegen wir eine Riesenportion Erinnerungen aufgehalst. Es ist nebenbei ganz
interessant zu wissen, dass der Mnemosyne-Fluss auch sprachlich als Anti-Lethe bekannt wurde (griechisch
a-létheia; die Vorsilbe „a“ bedeutet so viel wie »nicht«). Das heißt übertragen: kein Erinnern ohne ein
Stück Vergessen.
Ohne Erinnerungen wären wir nicht, wer wir sind. Und ohne Vergessen könnten wir nicht nach vorne
blicken. Das Gedächtnis des Internet unterminiert die selektiven Fähigkeiten des menschlichen Gehirns.
Und wie ist das nun mit dem Vergessen? Wohlgemerkt, es geht hier nicht nur um vergessene Menschen, in
dem Sinn, wie man einen Regenschirm vergisst. Nehmen wir das von Martin Heidegger geprägte Wort der
Seinsvergessenheit. Das Sein kann der Mensch nicht wirklich vergessen, allenfalls ein an Alzheimer
Erkrankter könnte sagen: „Ich habe mich vergessen“, , aber das wäre hypothetisch. Hinter jedem Vergessen
ist das Vergessene noch immer verborgen, sonst könnten wir uns ja nicht über das Vergessene unterhalten.
Das ist ein komplexes Feld. Jedenfalls sind Vergessen und Erinnern miteinander verbunden.
Bevor ich zu den Bildern selbst komme, will ich euch kurz Jürgen Klugmann vorstellen. Geboren 1963 in
Spaichingen, wurde er Buchhändler, bevor er von 1987 bis 1992 am Tübinger Zeicheninstitut Malerei
studierte. Sein Schaffen umfasst neben der Malerei auch noch die Grafik und die Fotografie.
Arbeitsstipendien und Symposien brachten Klugmann an alle erdenklichen Ecken Europas, zuletzt war er
in Rom, wo er – wie gesagt – das Hauptwerk unserer Ausstellung 2013 erstmals ausstellte. In Tübingen
wohnt und arbeitet er in einem der anregendsten Vierteln der Stadt. Der freischaffende Künstler ist ein
stiller, nachdenklicher Zeitgenosse. Er sucht förmlich die Einsamkeit beim Arbeiten bzw. er lässt sich an
abgelegenen Orten inspirieren. So durchkämmte er vorgeschichtliche Höhlen in Frankreich, um die
Steinzeitritzungen zu studieren, oder er entdeckte für sich verlassene Klöster in Osteuropa, deren Wände
schon Schimmel ansetzten – was sich unangenehm anhört, ist zugleich ein malerisches Motiv. Kurzum:
Jürgen Klugmann forscht dem verschwiegenen Leben und Wirken menschlicher Kultur nach. Dabei ist sein
Interesse daran nicht nur ästhetischer, sondern auch metaphysischer oder ontologischer Natur, das heißt:
auf das menschliche Sein im Jenseits wie im Diesseits fixiert.
Bereits während eines pro-arte-Arbeitsstipendiums der Ulmer Kunststiftung in den Jahren 2006–2008 fand
er im Altpapier ein Konvolut alter Schwarzweiß-Fotografien. Sie waren regelrecht ihrem Schicksal
überlassen worden, sollten der Vernichtung anheim fallen. Offenbar konnte der Besitzer nichts mehr mit den auf den Fotos dargestellten Menschen anfangen. Er hatte das Interesse daran verloren – hat er sie auch vergessen? Wie auch immer, die Dargestellten verloren ihre Präsenz, die Erinnerung musste verblasst sein. Egal, durch wieviele Hände sie gegangen waren. Für Klugmann stellten die Fotos einen großen Reiz dar: Spuren von Menschen, die wohl nicht mehr am Leben waren und deren Nachfahren nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollten. So entstanden die Zyklen der »Vergessenen« und »Lethe«. Die »Lethe«-Reihe basiert auf einem 21-köpfigen, anonymen Gruppenbild von Mitgliedern einer Schlagenden Verbindung. Ein Porträt blieb außen vor, so dass 20 Köpfe auf Leinwand entstanden, alle im Format 48 auf 42 cm. Das ausgesonderte Bildnis gehört gedanklich aber dazu – als Symbol des Vergessens und zugleich (neben den präsenten Vergessenen) als vakanter Garant der Erinnerung. Jürgen Klugmann nimmt sich 20 Personen aus dem Foto vor und überträgt sie als Einzelporträts. In zahllosen dünnen Acrylschichten konserviert er die Gesichter in verschiedenen Stadien ihrer Präsenz: Er rettet ihre Würde dieser Menschen, indem er deren symbolische Vernichtung aufhält, ja in dem er sie in eine andere Wirklichkeit hebt. Doch während dieser Bildfindung reflektiert Klugmann die Phänomene des Vergessens und des Erinnerns. Manche dieser Porträts tauchen aus dem monochromen Grund einer Farbfläche hervor, wieder andere sind nur noch schemenhaft zu erkennen, und einzelne verschwinden ganz im Malgrund. Wie vergänglich ist der Mensch? Ein bekannter Satz lautet: Solange man sich an ihn erinnert, so lange weilt er unter uns. Jürgen Klugmanns Werk ergreift uns: Wie halten wir es mit dem Gedanken an Bekannte? Die »Amalie«-Bilder haben eine andere Geschichte. Klugmann ersteigerte sie bei E-Bay, das heißt, diesmal sollten die Fotos nicht vernichtet werden, im Gegenteil: Jemand wähnte sie für wert, aus dem auratischen Kreis familiärer Erinnerung an die Öffentlichkeit zu gehen. Es handelt sich auch um alte Fotos, die sich sogar historisch zurückverfolgen lassen. Die 18jährige Amalie wurde 1918 vom kaiserlich-königlichen Hoffotografen Kammer in Brünn fotografiert. Auf zwei Bildern ist die junge Frau in verschiedenen Kleidern dargestellt. Aus Notizen auf den Fotos erfährt man Details aus ihrem Leben: Sie war die ältere Schwester eines anderen Mädchens und war schon in den Stand der Ehe getreten. Klugmann malte Amalie als Rondeau, als Rundbild von 1 m Durchmesser – er griff mit der Form die Pupillen der Frau auf, aber zugleich zitiert er eine Renaissance-Vorgabe: Michelangelo u.a. schufen runde Madonnenbilder, in deren Tradition Amalie nun steht. Doch wieder geht es um das Wechselfeld von Vergessen- und Verborgensein. Allerdings rückt er nicht die Anonymität ins öffentliche Licht wie bei »Lethe«, sondern sichert einer durch das Auktionslos öffentlich gemachten Person ihre verlorengegangene Intimität.
Jürgen Klugmann gibt Menschen, die niemand mehr kennen will, ein Gesicht, zeichnet es nach auf Leinwand oder Holz, die Dauer versprechen – und doch irgendwann dasselbe Schicksal teilen könnte wie die fotografierten Vor-Bilder. Seine Spurensuche beginnt er mit getuschten Gesichtszügen, um sie danach malerisch zu verunklären. Damit kommt er im Extrem einer Farbfeldmalerei nahe – man denke an Ad Reinhardt –, immer jedoch vor figurativem Hintergrund! In Zeiten des Internet, wo alle Informationen weltweit verfügbar sind, mutet die Malerei Klugmanns dem Betrachter zu, ein Bildmotiv auch mal loszulassen. Er unterstützt dies im Akt der Übermalung, aber auch durch technische Raffinesse: Die Bilder von Klugmann sind praktisch nicht zu fotografieren, ohne materiellen und optischen Verlust zu erleiden. Auch das ist ein Prozess des nun aber kontrollierten Verlorengehens. Andrerseits gibt er den Gesichtern eine eigene Würde, die sie zuvor auf der Fotografie nicht hatten. So werden die Vergessenen zu Erinnerten, wobei wir nicht vergessen sollten, dass es sich letztlich in der Welt der Malerei wiederum um Fiktionen handelt, denen wir eine ewig währende Erinnerbarkeit unterschieben können, die so bislang nicht bestand – und real auch kaum einzulösen ist.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 

Günter Baumann, Juli 2014

 

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